Samstag, 6. Juni 2026 – 10.00 bis 18.00 Uhr: WDR 5 Philosophie spezial – Denken, das ansteckt
Über unsere Zeit – wo wir stehen, wohin wir gehen
Unsere Zeit ist unruhig. Gewissheiten, die lange tragfähig schienen, verlieren an Halt. Die Weltordnung wirkt brüchig, demokratische Strukturen stehen unter Druck, politische Ideen entfalten kaum noch Bindungskraft. Alte Allianzen lösen sich, ökonomische Sicherheiten geraten ins Wanken – und über allem liegt die ungelöste Frage nach unserem Verhältnis zur Erde, deren Erwärmung wir zwar messen, aber bislang nicht aufhalten können.
Angesichts dieser Gleichzeitigkeit von Krisen stellt sich die Frage nach der Richtung. Wohin gehen wir? Und vielleicht noch dringlicher: Wo stehen wir eigentlich?
In Zeiten wie diesen liegt die Versuchung nahe, den Blick ausschließlich nach außen zu richten – auf das Weltgeschehen, auf politische Entscheidungen, auf die großen Zusammenhänge. Doch womöglich beginnt Orientierung an einem anderen Ort. Nicht im Außen, sondern im Inneren. Nicht im globalen Überblick, sondern in der persönlichen Verortung.
Eine Standortbestimmung, die fragt, wie wir selbst in dieser Gegenwart stehen, die uns gegeben ist.
Was trägt uns als Menschen in dieser Zeit? Welche Werte leiten unser Handeln, welche geben wir weiter? Wie können wir gestalten, ohne uns zu überfordern, und verändern, ohne zu vereinfachen? Und was bedeutet es, gemeinsam zu handeln, in einer Welt, die zunehmend von Vereinzelung geprägt scheint?
Ein Tag philosophischer Reflexion auf WDR 5 lädt dazu ein, diesen Fragen nachzugehen. Im Gespräch mit Philosophinnen und Philosophen, im Austausch mit den Hörerinnen und Hörern entsteht ein Raum des Nachdenkens – nicht um fertige Antworten zu liefern, sondern um Haltung zu gewinnen.
Teilen Sie schon vorab Ihre Gedanken mit uns über philo@wdr.de, über unsere App und am Tag der Philosophie auch telefonisch unter 0800-5678 555
10h-11h: Wolfram Eilenberger: Was vermag Philosophie?
Was kann Philosophie? Kann sie uns helfen, gar trösten? Der Philosoph und Schriftsteller Wolfram Eilenberger (zuletzt: „Die Gegenwart der Philosophie. Ein Wegweiser.“) fragt nach dem Wesen und Nutzen der ‚Liebe zur Weisheit‘. Auch in den unruhigen Zeiten einer aufgeregten und als krisenhaft empfundenen Gegenwart vermag die Jahrtausende alte Denk- und Frageschule Orientierung zu stiften. Mod.: Jürgen Wiebicke
11h-12h: Michael Zichy: Wie wir den Menschen betrachten
Menschenbilder haben Macht über uns. All unser Denken und Verhalten wird durch bestimmte Vorannahmen, was und wie ein Mensch zu sein hat, beeinflusst. Denn Menschenbilder sind fundamental für eine Gesellschaft – sie durchziehen ihre Ordnungen, ihre Moral, ihr Rechtssystem, ihre Pädagogik. Michael Zichy fragt, wie wir auf den Menschen blicken. Und wie wir allein hierdurch schon dafür sorgen, wie wir uns formen und wer wir sind. Mod.: Jürgen Wiebicke
12h-13h: Rainer Mühlhoff: Die KI und wir
Die sogenannte Künstliche Intelligenz kommt zunehmend in unserem Alltag an. Von den großen Tech-Firmen werden die stärker werdenden Sprachmodelle als große Heilsbringer angepriesen. Verlieren wir etwas, wenn wir auf die neue Technologie setzen? Und welche Gefahren drohen von ihr, gesellschaftlich, individuell, aber auch politisch? Rainer Mühlhoff fragt nach der Macht der Daten und welche Schäden richtet sie an? Welche Wirkungen hat die neue Technologie auf uns und unsere Öffentlichkeit und unsere politischen Systeme? Mod.: Ralph Erdenberger
13h-14h: Melanie Raabe: Die Kunst des guten Lebens
Wie können wir ein inspirierteres und kreativeres Leben führen? Und wie schaffen wir es, die Tage nicht einfach an uns vorbeirauschen zu lassen, sondern all die interessanten Dinge, Menschen und Geschehnisse um uns herum aktiver wahrzunehmen? Die Autorin Melanie Raabe fragt nach Wegen, den Ohnmachtsgefühlen unserer Gegenwart zu begegnen. Auf der Suche nach dem guten Leben zeigt sie in ihren Büchern „Kreativität“ und „Das Jahr der Wunder“ Möglichkeiten auf, im Alltag die Zeit dafür zu finden, Inspiration, Selbstwirksamkeit und Kreativität zu stärken. Mod.: Julia Schöning
14h-15h: Aladin El-Mafaalani: Die Macht des Misstrauens
Wo stehen wir als Gesellschaft, wenn Vertrauen verloren geht? Der Soziologe Aladin El-Mafaalani fragt, warum populistische Bewegungen und Verschwörungsideologien gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit an Kraft gewinnen. In seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften“ beschreibt er, wie gemeinsames Misstrauen neue Formen von Zugehörigkeit schafft – in einer Welt, die vielen zunehmend unübersichtlich erscheint. Was hält eine Gesellschaft noch zusammen, wenn Vertrauen in Institutionen, Politik und Öffentlichkeit schwindet? Mod.: Anja Backhaus
15h-16h: Kirsten Meyer: Wie wir über Zukunft streiten
Wohin wir als Gesellschaft gehen, entscheidet sich auch daran, wie wir über unsere Zukunft sprechen. Die Philosophin Kirsten Meyer untersucht, weshalb Debatten über Klimawandel, Verantwortung und Verzicht schnell in Empörung, Abwehr oder Resignation kippen. In dem Buch „Besser um die Zukunft streiten“ plädiert sie für eine neue Streitkultur: genauer im Denken, klarer im Argumentieren und offener für gemeinsame Lösungen. Wie können wir über die Zukunft verhandeln, ohne uns gegenseitig moralisch zu überfordern? Mod.: Anja Backhaus
16h-17h: Alfred Hirsch: Frieden in unruhigen Zeiten
Wir leben in unsicheren Zeiten – es herrscht wieder Krieg in Europa, auf der globalen Bildfläche nehmen Konflikte und Krisen zu, und sowohl politisch als auch gesellschaftlich steht die Aufrüstung wieder ganz oben auf der Agenda. In unserer unruhigen Gegenwart lenkt der Philosophieprofessor Alfred Hirsch nun den Blick aber auf den Frieden, der für ihn nicht bloß Abwesenheit von Gewalt bedeutet: Er betrachtet verschiedene Friedenskonzepte, die den Fokus nicht nur auf politische, sondern auch auf gemeinschaftliche und zwischenmenschliche Faktoren legen. Mod.: Carolin Courts
17h-18h: Andreas Zick: Unsicherheit als Möglichkeit
Der Sozialpsychologe Andreas Zick untersucht, wie Menschen reagieren, wenn vertraute Orientierungen verloren gehen – und warum gerade solche Phasen gesellschaftliche Veränderungen anstoßen können. In seiner Unsicherheitsforschung geht es nicht nur um Angst und Verunsicherung, sondern auch um die Fähigkeit, neue Wege zu finden und handlungsfähig zu bleiben. Was macht dauerhafte Unsicherheit mit einer demokratischen Gesellschaft? Und wie können wir lernen, das Ungewisse nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Möglichkeit zu begreifen? Mod.: Carolin Courts